Digitalisierung einer Branche: Bausoftware für 50000 Unternehmen in der Schweiz
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Montagmorgen auf einer Schweizer Baustelle. Der Polier notiert händisch die Maschinenstunden, ein Mitarbeiter trägt Materiallieferungen in eine Liste ein, während der Bauleiter im Büro Excel-Tabellen abgleicht. Bis alle Daten in der Zentrale ankommen und verarbeitet sind, vergehen Stunden, manchmal Tage. Was wie ein Relikt aus den 1990er Jahren klingt, ist in der hiesigen Baubranche im Jahr 2025 noch immer Realität.
«Tatsächlich wird bei vielen Baubetrieben die Abrechnung aufgrund manuell ausgefüllter Rapporte erledigt», berichtet Silas Schneider, CEO von Abacus Business Solutions. Während Produktionsbetriebe oder Dienstleister längst durchdigitalisiert sind und auf Knopfdruck ihre Kennzahlen abrufen können, arbeitet das Baugewerbe vielerorts noch hemdsärmelig.
Das ist bemerkenswert für eine Branche, die rund 50 000 Unternehmen umfasst und Milliarden erwirtschaftet. «Teilweise bildet das Bankkonto das einzige Controlling-Instrument», sagt Raffaelle Grillo, COO des Mutterhauses Abacus Research mit Sitz in St. Gallen. Eine riskante Strategie in einem Marktumfeld, das immer anspruchsvoller wird.
Methodische Eroberung einer Branche
Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne agiert Abacus Business Solutions. Das Tochterunternehmen mit Sitz in Thalwil hat sich darauf spezialisiert, die spezifischen Bedürfnisse der Schweizer Baubranche in einer ERP-Plattform (Enterprise Resource Planning) abzubilden und führt Kunden durch diese digitale Transformation.
Doch die Geschichte von Abacus in der Baubranche beginnt schon früher: 2000 mit der Integration der Finanzbuchhaltung in Zusammenarbeit mit Branchenpartnern. Schritt für Schritt wurden die technischen Hürden abgetragen. 2007 folgten Programme für das Bauhauptgewerbe und 2016 mit der Gründung von Abacus Business Solutions der klare Fokus auf das Baunebengewerbe wie Gebäudetechnik, Sanitär, Holz- und Metallbau. 2020 kam die hochspezialisierte Kalkulation für Elektriker hinzu.
Mit der Integration von Architekten, Ingenieuren und Planern (AIP) im Jahr 2024 sowie der vollständigen Abdeckung des Bauhauptgewerbes (Hoch-, Tief- und Strassenbau) im Jahr 2025 hat Abacus Business Solutions das Puzzle nun komplettiert. Heute vertrauen rund 750 Unternehmen auf diese Alles-auseiner- Hand-Lösung mit «AbaBau» als Kernapplikation – von kleinen Firmen mit fünf Mitarbeitenden bis hin zu Grossbetrieben mit mehr als 500 Angestellten. In einer globalisierten Softwarewelt ist der Ansatz von Abacus fast schon provokativ lokal. «Wir fokussieren uns nicht auf Deutschland, nicht auf Österreich, nicht auf die USA – wir fokussieren uns auf den Heimmarkt», betont Grillo. Die Schweizer Baubranche ist durch komplexe Normen geprägt, die an den Landesgrenzen enden. Wer versucht, diese Anforderungen mit einer Software zu erfüllen, die gleichzeitig für den US-Markt taugen muss, verliert zwangsläufig an Tiefe.
Doch die Swissness ist nicht nur in der Software abgebildet: «Wir sind in der Schweiz verankert», erklären die Verantwortlichen. Es ist ihnen wichtig, dass die Rechenzentren in der Schweiz stehen, die Entwickler in St. Gallen und St. Fiden sitzen, und die Eigentümerstruktur Stabilität für die nächsten zehn Jahre garantiert. In Zeiten, in denen digitale Souveränität zum kritischen Erfolgsfaktor wird, bietet diese Bodenhaftung den Kunden eine Sicherheit, die kein globaler Tech-Konzern bieten kann.
Integration statt Insellösung
Ein Hauptgrund für die ineffiziente Zettelwirtschaft in vielen Betrieben sind Medienbrüche. Die Zeiterfassung erfolgt auf Papier, die Projektplanung in Excel und die Lohnbuchhaltung in einem Drittsystem. Abacus führt diese Silos zusammen und bildet den gesamten Prozess vom ersten Kostenvoranschlag über die operative Bauausführung bis zur komplexen Lohnabrechnung in der Software ab.
Besonders deutlich wird der Mehrwert im Alltag: Durch die Integration von Kommunikationslösungen wie Microsoft Teams erkennt das System bei einem eingehenden Anruf sofort den Kunden und öffnet automatisch das entsprechende Projektdossier. Der Bauleiter sieht sofort, welche Maschinen gerade wo im Einsatz sind, da GPS-Tracker auf den Geräten ihre Daten direkt in die Nachkalkulation einspeisen. Solche Automatismen sparen nicht nur Zeit, sondern eliminieren Fehlerquellen, die im Bauwesen schnell teuer werden können.
Pascal Knüsel von der Baufirma Saredi in Luzern kennt die Vorteile der durchgängigen Lösung aus erster Hand. Das 140-Personen-Unternehmen nutzt die gesamte Palette: Finanzbuchhaltung, Anlagenbuchhaltung, Lohnbuchhaltung, «AbaBau» und «AbaImmo». Besonders bei komplexen Arbeitsgemeinschaften (Arge) zeigt sich der Mehrwert. «Dank der durchgängigen Lösung arbeiten wir ohne Schnittstellen», betont der Leiter Finanzen und Administration des Traditionsunternehmens.
Generationswechsel als Katalysator
Die Integration zeigt sich auch im Detail: Bei Schwizer Haustechnik in Gossau (SG) verbindet die App «Echo» Microsoft Teams mit Abacus. Wenn ein Kunde anruft, erscheinen automatisch dessen Daten aus dem Abacus-System: Name, Adresse, E-Mail. Sonja Koreli, Kundenberaterin mit über 12 000 Telefonaten pro Jahr, kann so bereits mit der Erfassung des Serviceauftrags beginnen, während das Telefon noch klingelt. «Heute habe ich den Auftrag meistens schon erfasst, bevor die Person überhaupt sagen kann, wo sie wohnt», sagt sie. Was früher mehrere Minuten und diverse Systemwechsel erforderte, läuft heute in Sekunden ab. Das 65-Personen-Unternehmen war Pilotkunde für die Lösung.
Trotz der technologischen Sprünge bleibt die Digitalisierung primär ein Change-Management-Projekt. Abacus Business Solutions sieht sich hier in einer besonderen Rolle. Da viele der 80 Mitarbeitenden in den Büros am Zürichsee selbst aus der Baubranche kommen, sprechen sie die Sprache der Kunden. Diese «Bau-DNA» ist entscheidend, um Vertrauen aufzubauen. Oft ist es der Generationswechsel in den Betrieben, der den Stein ins Rollen bringt. Die junge Generation, die mit Apps und Smartphones aufgewachsen ist, akzeptiert keine analogen Prozesse mehr. «Sie will das Unternehmen datenbasiert führen und attraktive, moderne Arbeitsplätze bieten, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken », sagt Silas Schneider.
Für das angelaufene Jahr hat Abacus ein ehrgeiziges Ziel: Die Digitalisierung soll auch die Kleinstbetriebe erreichen. Bisher konzentrierte man sich auf KMU ab einer gewissen Grösse, doch bald soll eine vereinfachte Lösung für Betriebe bis zu zehn Mitarbeitende auf den Markt kommen. «Das Potenzial für uns in diesem Markt ist riesig», ist sich Schneider sicher. Dabei bleibt man dem Qualitätsanspruch treu: «Wir wollen nicht billig sein, wir wollen die Besten sein», betont Raffaelle Grillo. Es geht darum, ein Modell zu schaffen, das auch für kleinere Betriebe erschwinglich ist, ohne bei der Funktionalität Kompromisse einzugehen.
Mit dem Ausbau des Standorts Thalwil um weitere 700 Quadratmeter und der geplanten Aufstockung auf mehr als 100 Mitarbeitende bis spätestens 2027 rüstet sich Abacus Business Solutions für die nächste Phase. Das Ziel ist nichts Geringeres als die Marktführerschaft in der Schweizer Baubranche. Wenn die Vision aufgeht, sorgt Abacus dafür, dass der Polier am Montagmorgen nicht mehr zur Liste greifen muss, weil die Daten automatisch dorthin fliessen, wo sie gebraucht werden. So bleibt dem Bauleiter mehr Zeit für das Wesentliche – das Bauprojekt selbst.
Von Sophie Zellweger
NZZ-Artikel vom 25. Januar 2026